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Konservativ – und doch offen?

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Gestern in einer digitalen Politik-Werkstatt des SEND e.V. zur politischen Arbeit in lĂ€ndlichen RĂ€umen habe ich einen Gedanken geteilt, der mich schon lĂ€nger begleitet und den ich hier etwas sortieren möchte. In meinem beruflichen Alltag begegne ich in Dörfern und KleinstĂ€dten regelmĂ€ĂŸig Menschen, die sich selbst als konservativ bezeichnen – und zugleich an Projekten arbeiten, die man im urbanen Diskurs vermutlich als progressiv oder sogar transformativ einordnen wĂŒrde. Diese Menschen bauen Netzwerke auf, grĂŒnden Coworking Spaces, initiieren MehrWertOrte oder engagieren sich fĂŒr das, was Ray Oldenburg als „Dritte Orte“ beschrieben hat: RĂ€ume jenseits von Zuhause und Arbeitsplatz, in denen Begegnung, Austausch und demokratische Aushandlung stattfinden.

Und doch höre ich immer wieder den Satz: „Ich bin eher konservativ.“ Das hat mich lange irritiert – auch, weil ich mich selbst nicht als konservativ verstehe und wir trotzdem gut, konstruktiv und mit gemeinsamen Zielen zusammenarbeiten. Hinzu kommt, dass empirische Befunde, etwa von dem Soziologen Ansgar Hudde, zeigen, dass das Wahlverhalten vieler dieser Personen – mit regionalen Ausnahmen wie Bayern oder der Eifel – gar nicht eindeutig konservativ ist. Selbstzuschreibung und politische Praxis fallen also nicht zwangslĂ€ufig zusammen.

Vielleicht liegt die Irritation an meinem BegriffsverstĂ€ndnis. Im urban geprĂ€gten Diskurs erscheint „konservativ“ hĂ€ufig als Gegenbegriff zu „progressiv“: Bewahrung statt VerĂ€nderung, Tradition statt Innovation. Im lĂ€ndlichen Raum scheint sich diese Semantik jedoch zu verschieben. Dort bedeutet konservativ meiner Wahrnehmung nach oft, Verantwortung fĂŒr das Gemeinwesen zu ĂŒbernehmen, sich zu kĂŒmmern und funktionierende Strukturen nicht leichtfertig aufzugeben.

Wenn eine Unternehmerin einen leerstehenden Vierseitenhof in einen Coworking- und Begegnungsort transformiert, dann geschieht das selten aus disruptivem Sendungsbewusstsein. Es geht um Ortskernbelebung, um kĂŒrzere Wege, um Perspektiven fĂŒr junge Menschen, um soziale Infrastruktur. Das ist kein Bruch mit dem Bestehenden, sondern dessen Weiterentwicklung. Auch der urbane Coworking Space war nie wirklich disruptiv – BĂŒros existieren weiterhin –, doch im stĂ€dtischen Kontext wurde Coworking gern als Symbol einer „neuen Arbeitswelt“ inszeniert. Neu ist dort normativ aufgeladen. Auf dem Land ist neu vor allem funktional.

In Metropolen war Coworking lange Teil einer kreativen Milieu-Logik; in KleinstÀdten und Dörfern ist es hÀufig eine infrastrukturelle Antwort auf strukturelle Herausforderungen: Leerstand nimmt zu, GeschÀftsmodelle verÀndern sich, klassische Treffpunkte verschwinden, junge Menschen pendeln oder ziehen weg. Unter diesen Bedingungen wird ein Coworking Space zu einem Instrument der Daseinsvorsorge im weiteren Sinne.

Ähnlich verhĂ€lt es sich mit MehrWertOrten: multifunktionale RĂ€ume, die Arbeiten, Lernen, Nahversorgung, Kultur und Ehrenamt zusammenfĂŒhren. Sie stabilisieren lokale Netzwerke und erhöhen Resilienz. Viele Initiator*innen sprechen dabei von Heimat, Zusammenhalt, Verantwortung und Generationengerechtigkeit – Begriffe, die politisch eher konservativ konnotiert sind. Und doch sind diese Projekte ohne Offenheit nicht denkbar. Unterschiedliche Professionen, LebensentwĂŒrfe und politische Haltungen teilen sich Infrastruktur und kommen ins GesprĂ€ch. Vielleicht lese ich diese Praxis deshalb – aus meiner urban sozialisierten Perspektive – als progressiv.

Je lĂ€nger ich darĂŒber nachdenke, desto mehr zweifle ich an der SchĂ€rfe der Dichotomie „konservativ versus progressiv“ im lĂ€ndlichen Kontext. Viele der Akteur*innen, mit denen ich arbeite, wollen nichts umstĂŒrzen. Sie wollen erhalten, was ihnen wichtig ist: LebensqualitĂ€t, Gemeinschaft, wirtschaftliche TragfĂ€higkeit. Gerade aus diesem Motiv heraus entwickeln sie neue Modelle von Arbeit, Kooperation und Begegnung. Das wirkt weniger wie ein Widerspruch als wie eine andere Form von Fortschritt – nicht der radikale Bruch mit dem Bestehenden, sondern eine behutsame Transformation aus der Mitte der Gemeinschaft heraus.

Wer lĂ€ndliche RĂ€ume vorschnell in politische Schubladen steckt, ĂŒbersieht diese Dynamik. Dort entstehen Orte, die demokratische Kultur stĂ€rken, wirtschaftliche Perspektiven eröffnen und gesellschaftliche Vielfalt ermöglichen – hĂ€ufig initiiert von Menschen, die sich selbst als konservativ verstehen. FĂŒr mich ist das inzwischen weniger irritierend als ermutigend. Es zeigt, dass Offenheit nicht zwingend an ein bestimmtes politisches Label gebunden ist und dass Coworking Spaces, MehrWertOrte und andere Dritte Orte BrĂŒcken schlagen können – zwischen Milieus, Generationen und Weltanschauungen. Vielleicht liegt genau darin ihr eigentlicher Mehrwert.


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