â Autor: Tobias Kremkau.
Gestern Abend hat mich ein bĂŒndnisgrĂŒner Bundestagsabgeordneter aus einem anderen Bundesland gefragt, wie es bei uns im Landesverband Sachsen-Anhalt lĂ€uft. Meine Antwort kam ohne Zögern â und vielleicht auch ein wenig zu schnell, weil sie mich selbst schon lĂ€nger beschĂ€ftigt: Nach drei WahlkĂ€mpfen in zweieinhalb Jahren ist unsere LandesgeschĂ€ftsstelle vor allem eines geworden: eine gut funktionierende Kampagnenmaschine. Was sie dagegen kaum noch ist, ist eine tragende UnterstĂŒtzungsstruktur fĂŒr die ehrenamtlich gefĂŒhrten KreisverbĂ€nde.
Wie es dazu gekommen ist, lĂ€sst sich nachvollziehen. Die hohe Taktung der Wahlen, der permanente Druck, die steigenden Anforderungen â all das hat KrĂ€fte gebunden und PrioritĂ€ten verschoben. Und doch bleibt der Eindruck, dass wir uns organisatorisch so sehr auf WahlkĂ€mpfe verengt haben, dass andere zentrale Aufgaben eines Landesverbands aus dem Blick geraten sind.
Denn ein Landesverband ist mehr als die Summe seiner Kampagnen. Eine LandesgeschĂ€ftsstelle mit hauptamtlichen Strukturen sollte vor allem eines sein: eine verlĂ€ssliche Servicestelle fĂŒr die KreisverbĂ€nde. Ein Ort, an den man sich wenden kann, wenn vor Ort die Ressourcen fehlen. Eine Struktur, die ermöglicht, was ehrenamtlich nicht leistbar ist. Eine UnterstĂŒtzung im politischen Alltag â nicht nur im Ausnahmezustand Wahlkampf.
Stattdessen erlebe ich zunehmend eine Organisation, die sehr gut darin ist, WahlkĂ€mpfe zu orchestrieren â oftmals zugeschnitten auf eine einzelne Person. Das folgt sicherlich einer inneren Logik; der Wunsch nach einer starken bĂŒndnisgrĂŒnen Landtagsfraktion ist mehr als berechtigt. Aber diese Logik ersetzt keine nachhaltige Parteientwicklung.
Ich habe auf dem Parteitag im Mai 2025 in Magdeburg meine Sorge formuliert, dass wir erneut einen Wahlkampf auf eine organisatorisch unterentwickelte Basis setzen. Damals wurde das als unpassend zur Situation zurĂŒckgewiesen. Heute wirkt diese EinschĂ€tzung weniger wie Kritik â und mehr wie eine nĂŒchterne Beschreibung dessen, was eingetreten ist.
Was mich daran beschĂ€ftigt, reicht allerdings ĂŒber organisatorische Fragen hinaus.
FĂŒr mein VerstĂ€ndnis sind wir eine Themenpartei â eine Partei, die von inhaltlicher Auseinandersetzung lebt. Im Moment habe ich jedoch zu oft den Eindruck, dass es stĂ€rker um Darstellung als um Substanz geht. Zugespitzt formuliert: mehr Tanzvideos als Debatten.
Wir verstehen uns zugleich als basisdemokratische Partei. Auch das war immer Teil unserer IdentitĂ€t. Doch inzwischen scheint sich vieles auf eine einzelne Spitzenkandidatin zu verdichten. Doppelspitzen, kollektive FĂŒhrung, sichtbare Vielfalt in der ReprĂ€sentation â all das ist leiser geworden. Wann genau diese Verschiebung stattgefunden hat und warum, vermag ich nicht klar zu benennen.
Und vielleicht liegt genau darin der eigentliche Kern des Problems: Wir sind uns gerade nicht mehr sicher, wer wir sind â oder wer wir sein wollen.
Das ist kein lauter Vorwurf. Eher eine leise, aber ernsthafte Irritation. Denn ohne ein gemeinsames VerstĂ€ndnis von uns selbst wird es uns weder gelingen, als Organisation stabiler zu werden, noch als politische Kraft ĂŒberzeugender aufzutreten.
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