Land und Leute

Warum wir MehrWertOrte brauchen

Im Oktober 2018 eröffnete ich für meinen damaligen Arbeitgeber das BLOK O, einen Coworking-Space in Frankfurt (Oder). Schon nach kurzer Zeit zeigte sich, dass die Menschen darin mehr sahen als einen Raum mit Schreibtischen.

Eines Tages suchten die Initiatoren eines kostenlosen Lastenradverleihs einen Standort für ihre Räder. Für sie war klar: Die Lastenräder sollten im Coworking-Space stehen, dem – wie sie fanden – innovativsten Ort der Stadt. Das überraschte mich. Schließlich vermieteten wir zunächst Arbeitsplätze und Besprechungsräume. Doch die Menschen betrachteten das BLOK O als einen Ort, der Ideen aufnehmen und ihnen ein Zuhause geben konnte.

Andere Initiativen folgten. Sie nutzten den Coworking-Space als Treffpunkt, BĂĽhne oder Ausgangspunkt. Diese Angebote waren kein Beiwerk. Sie machten den Ort bekannter, lebendiger und am Ende auch wirtschaftlich stabiler. RĂĽckblickend war das ein frĂĽher Hinweis darauf, dass Coworking nur der Anfang sein wĂĽrde.

Warum der Schreibtisch allein nicht reicht

Das ursprüngliche Versprechen des ländlichen Coworkings war bestechend einfach: Warum täglich lange pendeln, wenn sich dieselbe Arbeit wohnortnah erledigen lässt? Die gewonnene Zeit könnte der Familie, dem eigenen Leben oder einem Ehrenamt zugutekommen.

Mit der Pandemie wurde mobiles Arbeiten für viele Menschen selbstverständlich. Trotzdem fand der große Tausch – Pendelverkehr gegen wohnortnahes Arbeiten – nicht im erwarteten Umfang statt. Viele fahren weiterhin ins Unternehmen. Wer mobil arbeiten darf, bleibt häufig zu Hause, statt den nächsten Coworking-Space zu nutzen.

Die größte Hürde ist dabei selten die Technik. Es fehlt nicht an Laptops, Videokonferenzen oder schnellem Internet. Entscheidend ist die Arbeitskultur. Wo Anwesenheit mehr zählt als Leistung, befürchten Beschäftigte, beim mobilen Arbeiten beruflich unsichtbar zu werden.

Auf dem Land kommt ein strukturelles Problem hinzu: Die potenziellen Nutzerinnen verteilen sich über eine große Fläche. Was in der Stadt mit einem kleinen Einzugsradius funktioniert, lässt sich nicht einfach verkleinern und aufs Land übertragen. Aus dem wohnortnahen Arbeitsplatz wird sonst schnell ein zusätzlicher Arbeitsweg. Außerdem verteilt sich die Nachfrage ungleich über die Woche.

Deshalb ist ländliches Coworking kein klassisches Immobiliengeschäft. Quadratmeter sind seine Voraussetzung, aber nicht sein Produkt.

Vom Coworking-Space zum MehrWertOrt

Ein MehrWertOrt entsteht dort, wo ein Ort auf mehrere konkrete Bedürfnisse seiner Umgebung antwortet und diese sinnvoll miteinander verbindet. In einem Dorf kann das Coworking mit einem Café, einer Poststation, einem Laden und einem Kulturprogramm sein. In einer Kleinstadt vielleicht mit Gründungsberatung, Werkstatt, Veranstaltungsraum und Bildungsangeboten. Anderswo sind Kinderbetreuung, Pflegeberatung, kommunale Sprechstunden oder Mobilitätsangebote entscheidend.

Redaktionelle Papiercollage eines offenen MehrWertOrts, in dem Menschen arbeiten, beraten, einkaufen, Schach spielen und gemeinsam Café, Werkstatt, Bibliothek und Mobilitätsangebote nutzen.

Ein MehrWertOrt ist mehr als die Summe seiner Angebote.

Nicht die größtmögliche Vielfalt macht einen solchen Ort erfolgreich. Entscheidend ist der Zusammenhang zwischen den Angeboten. Sie sollten Infrastruktur teilen, sich zeitlich ergänzen und unterschiedliche Menschen miteinander in Kontakt bringen. Ein Ort, der alles sein will, läuft Gefahr, für niemanden wirklich wichtig zu werden.

Der Erfolg eines MehrWertOrts bemisst sich deshalb nicht nur an Buchungen und Auslastung. Die wichtigere Frage lautet: Was wird in der Umgebung möglich, weil es diesen Ort gibt? Werden lokale Initiativen sichtbarer? Entstehen Kooperationen? Finden Zugezogene schneller Anschluss? Bleiben Beratung, Kultur oder wirtschaftliche Aktivitäten in der Region?

Menschen beleben Orte

Die wichtigste Arbeit leisten die Menschen, die einen solchen Ort im Alltag tragen. Ihre Aufgabe geht weit über Empfang, Buchungssystem und Kaffeemaschine hinaus. Gute Gastgeberinnen wissen, wer Mitstreiterinnen sucht, wer einen Raum braucht und wer eine Idee hat, aus der ein Projekt werden könnte. Sie schaffen Verbindungen, Vertrauen und Zugehörigkeit.

Eine Software kann freie Räume anzeigen und Rechnungen verschicken. Sie kann aber nicht erkennen, welche zwei Menschen sich kennenlernen sollten. Sie merkt auch nicht, wenn sich jemand zurückzieht oder eine vage Idee im richtigen Moment Zuspruch braucht.

Ausgerechnet diese Beziehungsarbeit wird häufig ehrenamtlich geleistet oder unzureichend bezahlt. Räume und Möbel lassen sich in Förderanträgen leicht beziffern, Gastgeberschaft deutlich schwerer. So gilt das Gebäude als Investition, während die Person, die es belebt, lediglich als Kostenpunkt erscheint.

Ein tragfähiger MehrWertOrt braucht deshalb ein Team, verlässliche Zuständigkeiten, dokumentiertes Wissen und eine Finanzierung für die Arbeit am Ort. Gründungsenergie ist wichtig – aber sie ist kein Betriebsmodell.

Wer bezahlt den Mehrwert?

Von einem MehrWertOrt profitieren viele: Nutzer*innen sparen Wege, Unternehmen können Fachkräfte halten, Kommunen gewinnen einen lebendigen Treffpunkt, Eigentümer vermeiden Leerstand und Initiativen erhalten Infrastruktur. Aber nicht alle, die profitieren, tragen automatisch zur Finanzierung bei.

Deshalb ist es unredlich, solche Orte mit groĂźen gesellschaftlichen Erwartungen zu ĂĽberladen und gleichzeitig zu verlangen, dass sie sich allein durch stundenweise vermietete Schreibtische finanzieren.

Tragfähig erscheint ein gemischtes Modell. Dazu gehören Einnahmen aus Arbeitsplätzen, Besprechungsräumen, Veranstaltungen, Gastronomie oder Einzelhandel. Ankermieter und Mitgliedschaften schaffen verlässliche Grundumsätze. Kommunen und andere öffentliche Akteure können konkrete Leistungen beauftragen – etwa Gründungsberatung, Kulturangebote, Jugendbeteiligung oder eine lokale Anlaufstelle. Fördermittel bleiben sinnvoll, um den Aufbau und neue Ansätze zu ermöglichen. Sie sollten aber nicht jedes Jahr erneut über das Fortbestehen des Ortes entscheiden.

Wichtig ist eine klare Unterscheidung: Was ist ein marktfähiges Angebot? Was ist eine öffentliche Aufgabe? Und was entsteht aus zivilgesellschaftlichem Engagement? Ein belastbares Modell macht diese Beiträge sichtbar und verteilt Verantwortung und Risiko auf mehrere Schultern.

Infrastruktur besteht auch aus Beziehungen

MehrWertOrte sind nicht automatisch neu. Viele Bürgerhäuser, Kulturzentren und Mehrgenerationenhäuser leisten längst wertvolle Arbeit. Wo bestehende Einrichtungen bereits gemeinschaftlich organisiert sind, Ressourcen teilen und neue Ideen aufnehmen, braucht es weder einen Neubau noch ein neues Etikett.

Der Unterschied liegt weniger in der Liste der Angebote als in der Art, wie ein Ort getragen und genutzt wird. Die Menschen sind dort nicht nur Gäste oder Kund*innen. Sie wirken an seiner Entwicklung mit. Morgens wird gearbeitet, nachmittags beraten und abends diskutiert, gelernt oder gefeiert. Abends brennt noch Licht.

Das verändert auch den Blick auf ländliche Entwicklung. Zu lange wurde sie vor allem als Bauaufgabe verstanden: ein Gebäude sanieren, Breitband verlegen, einen Platz gestalten. All das bleibt wichtig. Aber Infrastruktur besteht nicht nur aus Beton, Glasfaser und Möbeln. Sie besteht auch aus Beziehungen, Zugängen und Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Der erste Schritt zu einem MehrWertOrt ist deshalb nicht die Suche nach einer Immobilie. Er beginnt mit zwei Fragen: Was fehlt den Menschen hier – und wer will dauerhaft Verantwortung dafür übernehmen?

Papiercollage eines MehrWertOrts: Eine vielfältige Gruppe entscheidet gemeinsam an einem runden Tisch, während offene Wege Menschen aus Dorf, Schule, Verein und Betrieb mit dem barrierefreien Gebäude verbinden.

Offenheit entsteht durch Mitbestimmung und geteilte Verantwortung.

Ich denke dabei wieder an die Lastenräder in Frankfurt (Oder). Sie standen nicht im Coworking-Space, weil sie zu seinem ursprünglichen Geschäftsmodell gehörten. Sie standen dort, weil Menschen dem Ort zutrauten, eine Idee aufzunehmen und ihr Sichtbarkeit zu geben.

Ein Coworking-Space vermietet Arbeitsplätze. Ein MehrWertOrt schafft Möglichkeiten. Ob daraus ein lebendiger Ort wird, entscheidet sich nicht an der Zahl seiner Schreibtische, sondern daran, welchen Ideen und welchen Menschen er ein Zuhause gibt.


Hinweis: Eine ausführlichere Fassung dieses Beitrags ist als Essay im monatlichen Newsletter „Bigger Picture“ der CoWorkLand eG erschienen, den ich verfasse. Sämtliche redaktionellen Grafiken und Illustrationen wurden mithilfe generativer KI erstellt. Auswahl, Bearbeitung und redaktionelle Verantwortung lagen bei mir.