Immer wieder U Fleků
Am Sonntag war ich wieder einmal im U Fleků. Wie bei fast jedem meiner Prag-Besuche in den vergangenen dreißig Jahren. Und wie eigentlich jedes Mal verließ ich das traditionsreiche Brauhaus mit dem Gefühl, dass es mir dort gar nicht besonders gut gefällt.
Das Essen schmeckt bestenfalls mittelmäßig. Die Kellner wirken stets gehetzt, bisweilen auch etwas ungehalten. Das dunkle Bier wird einem stets schneller hingestellt, als man es überhaupt bestellen möchte. Und mit jedem Besuch scheint das U Fleků noch ein wenig touristischer zu werden. Dieses Mal saßen sechs junge Spanierinnen am Nebentisch – ein Bild, das sich nicht gerade mit meiner Vorstellung von diesem Ort vertrug. Wobei das selbstverständlich mehr über meine Vorstellung erzählt als über die sechs Frauen. Schließlich war auch ich als Tourist dort.
Trotz allem zieht es mich immer wieder dorthin. Nicht wegen des Essens, nicht wegen des Services und vermutlich nicht einmal wegen des Bieres. Für mich ist das U Fleků ein Erinnerungsort – obwohl ich selbst keine Erinnerung an jene Zeit haben kann, die ihn für mich bedeutsam macht.
Ich wurde 1985 geboren. Als in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren Hunderte unangepasste Jugendliche aus der DDR nach Prag reisten und sich im U Fleků trafen, war ich noch nicht auf der Welt oder viel zu klein, um etwas davon mitzubekommen. Blueser, Kunden, Tramperinnen und Tramper kamen hier zusammen: Menschen mit langen Haaren, Jeansjacken und Parkas, die dem grauen, reglementierten DDR-Alltag zumindest für einige Tage entkommen wollten. Prag lag im sozialistischen Ausland und war erreichbar – und bot ihnen dennoch ein Stück jener Freiheit, die zu Hause fehlte.
Von der Bedeutung dieses Ortes weiß ich aus den Erzählungen meiner Eltern. Es ist also keine eigene Erinnerung, die mich mit dem U Fleků verbindet, sondern eine übernommene. Eine Erinnerung zweiter Generation, wenn man so will. Und vielleicht ist gerade das der Grund, warum mich dieser Ort nicht loslässt.
Denn ostdeutsche Geschichte besteht nicht allein aus den großen Daten, den politischen Beschlüssen und den Bildern von Mauer, Grenzübergängen und Montagsdemonstrationen. Sie steckt auch in solchen Orten. In Kneipen, Dorfsälen, Jugendklubs und Bahnhöfen. In den Geschichten von Konzerten, Reisen und Begegnungen. In den kleinen Fluchten aus einem Alltag, der Anpassung verlangte, und in der Erfahrung, für einige Stunden unter Gleichgesinnten sein zu können.
Das heutige U Fleků hat mit jenem Treffpunkt vermutlich nur noch wenig gemeinsam. Wo einst die unangepasste DDR-Jugend ihre Nische suchte, sitzen heute Reisegruppen aus aller Welt. Vielleicht ist das ernüchternd. Vielleicht ist es aber auch schlicht der Lauf der Zeit. Orte bleiben selten so, wie wir sie aus Erzählungen kennen – und schon gar nicht so, wie wir sie uns vorstellen.

Vielleicht gehe ich deshalb immer wieder hin: um zu prüfen, ob von jener Geschichte noch etwas zu spüren ist. Meistens finde ich wenig davon. Ein dunkles Bier, schwere Holztische, gestresste Kellner und immer neue Reisegruppen. Und doch sitze ich dort und denke an Menschen aus der DDR, die sich einst auf den Weg nach Prag machten, weil dieser Ort für sie ein kleines Stück Freiheit bedeutete.
Dann wird mir bewusst, dass ein Ort nicht schön sein muss, um wichtig zu sein. Man muss ihn nicht einmal besonders mögen. Manchmal genügt es, zu wissen, was er anderen Menschen einmal bedeutet hat.
Und wahrscheinlich werde ich deshalb auch bei meinem nächsten Besuch in Prag wieder im U Fleků sitzen – mich über das Essen ärgern, die Hektik beobachten und mich fragen, warum ich eigentlich schon wieder hier bin. Obwohl ich die Antwort längst kenne.