Politik

Kultur schafft Zukunft – gerade auf dem Land

Manchmal, aber nur manchmal, gibt es auch im Wahlkampf echte Wohlfühltermine – selbst für einen Bündnisgrünen in der Altmark. Einer davon führte mich am Montag zur Künstlerstadt Kalbe e. V. Dort sprach ich mit der Vorsitzenden Corinna Köbele darüber, wie ehrenamtliches Engagement und kulturelle Angebote die Lebensqualität in unserer Region stärken.

Corinna Köbele und Tobias Kremkau lächeln vor dem Eingang der Künstlerstadt Kalbe e. V. in die Kamera.

Corinna Köbele und ich vor dem Vereinshaus

Diesen Besuch hatte ich mir ganz bewusst als Wunschtermin für die Wahlkampfbegleitung der Volksstimme ausgesucht. Denn die Künstlerstadt ist für mich ein Paradebeispiel dafür, wie neue Ideen und internationale Perspektiven den ländlichen Raum bereichern können. Sie veranstaltet rund 200 Kulturtage im Jahr, belebt leer stehende Gebäude und bringt Menschen aus der Region mit Kunstschaffenden aus aller Welt zusammen.

Zugleich war der Termin eine gute Gelegenheit, unser bündnisgrünes Wahlprogramm für die Landtagswahl am 6. September 2026 einem Realitätscheck zu unterziehen. Denn politische Ideen müssen sich daran messen lassen, ob sie denjenigen helfen, die vor Ort Verantwortung übernehmen. Wenn eine so engagierte und erfahrene Persönlichkeit wie Corinna Köbele unsere Vorschläge für geeignet hält, die Arbeit von Kulturvereinen zu erleichtern, ist das eine wichtige Bestätigung: Wir haben für schwierige Fragen tragfähige Antworten entwickelt.

  • Wir wollen, dass mindestens 1,5 Prozent des Landeshaushalts für Kultur bereitgestellt werden. Die Freie Szene und die Soziokultur sollen deutlich besser ausgestattet werden. Dazu gehören mehrjährige Förderverträge als Standard, einfachere Antragsverfahren, eine zentrale Beratungsstelle für Förderfragen und ein Landesprogramm Soziokultur mit mindestens 500.000 Euro.

  • Kultur wollen wir außerdem gesetzlich als kommunale Pflichtaufgabe und damit als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge verankern. Denn wer dauerhaft kulturelle Angebote schafft, gesellschaftliche Räume öffnet und eine Region belebt, darf nicht immer wieder wie ein vorübergehendes Projekt behandelt werden. Gerade in strukturschwachen Kommunen wird Kultur sonst schnell zur freiwilligen und damit kürzbaren Leistung.

  • Eine neue Pflicht ohne ausreichende Finanzierung wäre allerdings keine Lösung. Deshalb verbinden wir sie mit einer besseren und verlässlicheren Finanzausstattung der Kommunen. So können auch leer stehende Gebäude zu neuen Gestaltungsräumen werden. Wir wollen historische Bausubstanz erhalten, neue Nutzungen ermöglichen und die Denkmalpflege besser mit der energetischen Sanierung verbinden.

Hauptamt stärkt Ehrenamt

Im Gespräch wurde besonders deutlich, wie wichtig stabile Strukturen für Vereine wie die Künstlerstadt sind. Ihre Arbeit lebt vom Ehrenamt – doch der Umfang und die Qualität ihrer Angebote wären ohne professionelle Unterstützung auf Dauer kaum zu bewältigen. Deshalb wollen wir das Ehrenamt durch hauptamtliche Strukturen stärken. Denn Hauptamt ersetzt freiwilliges Engagement nicht. Es schafft vielmehr die Voraussetzung dafür, dass Menschen sich einbringen können, ohne an Bürokratie und Überlastung auszubrennen.

Dass dieser Ansatz funktioniert, zeigt das rheinland-pfälzische Landesprogramm „Zukunft durch Kultur“. Die Initiative geht auf die bündnisgrüne Kulturministerin Katharina Binz zurück – und zeigt damit, dass solche Ideen längst gelebte Praxis bündnisgrüner Regierungsarbeit sind. Seit 2022 konnten 13 hauptamtliche Leitungs- und Kulturmanagementstellen geschaffen werden, insbesondere zur Unterstützung ehrenamtlich getragener Einrichtungen im ländlichen Raum.

Die bisherigen Erfahrungen sind ermutigend: Vereine gewinnen neue Handlungsfähigkeit, Netzwerke werden ausgebaut und regionale Kulturstrategien entwickelt. Eine unabhängige wissenschaftliche Evaluation steht zwar noch aus. Die positiven Rückmeldungen aus der Praxis und die Verstetigung des Programms zeigen aber schon heute: Hauptamt entlastet und professionalisiert – und gibt dem Ehrenamt den Freiraum, seine eigentliche Stärke zu entfalten.

Unser Wahlprogramm setzt deshalb an mehreren Stellen an. Wir wollen Bürokratie abbauen, die Vereinbarkeit von Beruf und Ehrenamt verbessern und Kinderbetreuung während des Engagements fördern. Mit einem Bildungszeitgesetz wollen wir Menschen außerdem ermöglichen, Ehrenamt und Beruf besser miteinander zu verbinden. Erfahrungen und Qualifikationen, die im Ehrenamt erworben werden, sollen auch im Arbeitsleben sichtbar gemacht und anerkannt werden.

Für die Künstlerstadt würde das bedeuten, mehr Kraft für das einsetzen zu können, was sie besonders gut kann: Kunst ermöglichen, Menschen zusammenbringen und Kalbe weit über die Altmark hinaus bekannt machen. Davon profitiert nicht nur die Kulturszene. Festivals und andere Kulturangebote stärken auch Gastronomie, Beherbergung, Handel, Tourismus und die Sichtbarkeit einer ganzen Region.

Von Venedig in die Altmark

Zum Abschluss des Besuchs kam es noch zu einer besonders schönen Begegnung. Im Gespräch mit der begleitenden Journalistin hatte ich von meiner Studienzeit in Venedig erzählt – und davon, warum ich die Lebensqualität in der Altmark heute sogar höher einschätze als in dieser zweifellos wunderschönen Stadt. Beim anschließenden Rundgang durch die Ateliers begegnete ich dann dem Sommercampus-Stipendiaten und Maler Steven Witzani, der nördlich von Venedig aufgewachsen ist.

Wir sprachen über die Arbeitsbedingungen von Künstlerinnen und Künstlern und über die Bedeutung von Residenzen im ländlichen Raum. Auch an dieser Stelle wird unser Programm sehr konkret: Wir wollen Förderangebote für Kunstschaffende insbesondere im ländlichen Raum ausbauen, den Zugang zu Ateliers, Galerien und Arbeitsstipendien verbessern und neue Arbeits- und Aufenthaltsstipendien für nationale wie internationale Künstlerinnen und Künstler in Sachsen-Anhalt schaffen.

Künstlerische Arbeit auf dem Land ist keine Kulturförderung zweiter Klasse. Sie kann Dorf- und Stadtentwicklung, internationale Begegnung und regionale Identität miteinander verbinden. Die Künstlerstadt Kalbe zeigt eindrucksvoll, welches Potenzial darin steckt – und warum es sich lohnt, dafür verlässliche politische Rahmenbedingungen zu schaffen.

Zeitungsartikel aus dem Gardelegener Kreisanzeiger vom 26. August 2026 mit der Überschrift „Ehrenamt braucht auch Hauptamt“. Der Beitrag berichtet über den Besuch des grünen Landtagskandidaten Tobias Kremkau beim Verein Künstlerstadt Kalbe und über die Bedeutung verlässlicher Förderung für ehrenamtliche Strukturen im ländlichen Raum. Ein Foto zeigt Tobias Kremkau im Gespräch mit dem Sommercampus-Stipendiaten Steven Witzani vor ausgestellten Kunstwerken.

Bericht der Volksstimme vom 26. August 2026