Land und Leute

Mobilität darf keine Frage des Wohnorts sein

Ich lebe mit meiner Familie ohne eigenes Auto. Das funktioniert gut – aber eben nicht überall gleich gut. In Magdeburg ist vieles mit dem Fahrrad, der Straßenbahn oder zu Fuß erreichbar. In der Altmark sieht die Wirklichkeit anders aus. Dort entscheidet der Fahrplan oft darüber, ob ein Termin überhaupt möglich ist.

Als wir in Stendal lebten, war das Lastenrad Stella der Freilligen-Agentur Altmark ein wichtiger Teil unseres Alltags. Mit ihm konnten wir die Kinder zur Kita bringen, einkaufen oder Wege innerhalb der Stadt erledigen. Aber ein Lastenrad ersetzt keinen Zug nach Salzwedel, keinen Bus nach Klötze und keine Verbindung in die vielen kleineren Orte der Region. Wer in der Altmark ohne Auto unterwegs ist, braucht deshalb vor allem eines: Zeit. Viel Zeit.

Das ist kein individuelles Problem. Es ist eine politische Entscheidung.

Mobilität bedeutet Teilhabe

Über Mobilität wird häufig gesprochen, als gehe es dabei vor allem um Verkehrsmittel: Auto oder Fahrrad, Bus oder Bahn. Tatsächlich geht es aber um gesellschaftliche Teilhabe.

Kann ein Jugendlicher aus einem Dorf am Nachmittag seine Freund*innen treffen? Kommt eine ältere Frau ohne Hilfe zur Ärztin? Kann jemand eine Arbeitsstelle annehmen, obwohl die Schicht vor dem ersten Bus beginnt? Erreichen Familien am Wochenende ein Schwimmbad, eine Kulturveranstaltung oder den nächsten Bahnhof?

Wer diese Fragen mit Nein beantworten muss, ist nicht wirklich mobil. Und wer nicht mobil ist, wird von vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen.

Gerade in der Altmark dürfen wir uns deshalb nicht damit zufriedengeben, dass Busse fast ausschließlich nach den Bedürfnissen des Schülerverkehrs fahren und manche Orte abends, am Wochenende oder in den Ferien kaum noch erreichbar sind. Ein öffentlicher Nahverkehr, der nur dann funktioniert, wenn ohnehin Schule ist, ist keine verlässliche öffentliche Infrastruktur.

Eine Mobilitätsgarantie für Sachsen-Anhalt

Wir Bündnisgrüne wollen deshalb eine Mobilitätsgarantie für Sachsen-Anhalt. Das Ziel ist klar: Menschen sollen sich darauf verlassen können, ihre Ziele auch ohne eigenes Auto zu erreichen.

Für Orte mit mehr als 1.000 Einwohnerinnen sieht unser Wahlprogramm eine stündliche Verbindung von morgens bis Mitternacht vor. Auch Orte mit mehr als 100 Einwohnerinnen sollen mindestens alle zwei Stunden erreichbar sein. Dabei muss nicht überall ein großer Linienbus fahren. Je nach Region können Bahn, Bus, Rufbus, Anrufsammeltaxi oder flexible Fahrgemeinschaftssysteme miteinander verbunden werden.

Entscheidend ist nicht, welches Fahrzeug kommt. Entscheidend ist, dass überhaupt verlässlich etwas kommt.

Dafür muss der öffentliche Nahverkehr zu einer kommunalen Pflichtaufgabe werden. Das Land darf die Landkreise mit dieser Aufgabe nicht alleinlassen, sondern muss dauerhaft Verantwortung übernehmen und sich stärker an der Finanzierung beteiligen. Gute Mobilität darf nicht davon abhängen, wie angespannt der Haushalt eines Landkreises gerade ist.

Auch die Anschlüsse müssen funktionieren. Ein Bus, der wenige Minuten nach Ankunft des Zuges abfährt, ist kein Anschluss. Ein verlässlicher Taktfahrplan bedeutet, dass Bahn, Bus und flexible Angebote aufeinander abgestimmt sind und sich die Menschen nicht für jede Fahrt durch ein neues Fahrplanrätsel arbeiten müssen. Diese Ziele haben wir bereits im bündnisgrünen Landtagswahlprogramm formuliert.

Das Fahrrad gehört zur Lösung

Auch das Fahrrad spielt in der Altmark eine größere Rolle, als es die Verkehrspolitik bislang erkennen lässt. Die Entfernungen innerhalb der Städte und zwischen benachbarten Orten sind mit einem Fahrrad oder E-Bike häufig gut zu bewältigen. Dafür braucht es aber sichere und durchgängige Radwege.

Niemand sollte mit Kindern auf einer stark befahrenen Landstraße unterwegs sein müssen, nur weil zwischen zwei Orten wenige Kilometer Radweg fehlen. Solche Lücken machen aus einer möglichen Alltagsstrecke eine gefährliche Zumutung.

Wir wollen deshalb den Radwegebau gerade in den ländlichen Räumen stärken, sichere Abstellmöglichkeiten an Bahnhöfen schaffen und die Fahrradmitnahme im öffentlichen Verkehr erleichtern. Bahnhöfe und zentrale Haltestellen sollen zu echten Mobilitätsstationen werden: mit guten Anschlüssen, Fahrradboxen, Reparaturmöglichkeiten, Sharing-Angeboten und einer Infrastruktur, die den Wechsel zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln tatsächlich ermöglicht.

Für mich ist das keine abstrakte Vorstellung. Genau so bin ich gerne unterwegs: einen Teil der Strecke mit dem Fahrrad, den nächsten mit dem Zug und vom Bahnhof aus weiter mit Bus oder Rad. Das funktioniert aber nur, wenn die einzelnen Teile zusammenpassen.

Niemandem das Auto verbieten

Eine bessere Mobilitätspolitik richtet sich nicht gegen Menschen, die auf ein Auto angewiesen sind. Gerade in der Altmark werden viele Menschen auch künftig ein Auto brauchen. Wer etwas anderes behauptet, ignoriert die Realität unserer Region.

Aber ebenso falsch ist es, alle Menschen zum Besitz eines Autos zu zwingen.

Ein Auto kostet viel Geld. Es muss angeschafft, versichert, gewartet und betankt oder geladen werden. Wer behauptet, das Auto sei auf dem Land Ausdruck persönlicher Freiheit, verschweigt, dass diese vermeintliche Freiheit für viele Menschen eine erhebliche finanzielle Belastung ist. Wirkliche Freiheit entsteht erst dann, wenn man eine Wahl hat.

Ich möchte eine Altmark, in der niemand sein Leben um einen lückenhaften Fahrplan herum organisieren muss. Eine Region, in der Jugendliche selbstständig unterwegs sein können, ältere Menschen ihre Eigenständigkeit behalten und Familien nicht für jede kleine Strecke ins Auto steigen müssen.

Mobilität darf keine Frage des Alters, des Einkommens oder des Wohnorts sein. Sie gehört zur öffentlichen Daseinsvorsorge – und damit in das Zentrum einer Politik, die ländliche Räume nicht nur lobt, sondern sie tatsächlich lebenswert hält.