Politik

Wie geht es uns als Landespartei?

Gestern Abend hat mich ein bündnisgrüner Bundestagsabgeordneter aus einem anderen Bundesland gefragt, wie es bei uns im Landesverband Sachsen-Anhalt läuft. Meine Antwort kam ohne Zögern – und vielleicht auch ein wenig zu schnell, weil sie mich selbst schon länger beschäftigt: Nach drei Wahlkämpfen in zweieinhalb Jahren ist unsere Landesgeschäftsstelle vor allem eines geworden: eine gut funktionierende Kampagnenmaschine. Was sie dagegen kaum noch ist, ist eine tragende Unterstützungsstruktur für die ehrenamtlich geführten Kreisverbände.

Wie es dazu gekommen ist, lässt sich nachvollziehen. Die hohe Taktung der Wahlen, der permanente Druck, die steigenden Anforderungen – all das hat Kräfte gebunden und Prioritäten verschoben. Und doch bleibt der Eindruck, dass wir uns organisatorisch so sehr auf Wahlkämpfe verengt haben, dass andere zentrale Aufgaben eines Landesverbands aus dem Blick geraten sind.

Denn ein Landesverband ist mehr als die Summe seiner Kampagnen. Eine Landesgeschäftsstelle mit hauptamtlichen Strukturen sollte vor allem eines sein: eine verlässliche Servicestelle für die Kreisverbände. Ein Ort, an den man sich wenden kann, wenn vor Ort die Ressourcen fehlen. Eine Struktur, die ermöglicht, was ehrenamtlich nicht leistbar ist. Eine Unterstützung im politischen Alltag – nicht nur im Ausnahmezustand Wahlkampf.

Stattdessen erlebe ich zunehmend eine Organisation, die sehr gut darin ist, Wahlkämpfe zu orchestrieren – oftmals zugeschnitten auf eine einzelne Person. Das folgt sicherlich einer inneren Logik; der Wunsch nach einer starken bündnisgrünen Landtagsfraktion ist mehr als berechtigt. Aber diese Logik ersetzt keine nachhaltige Parteientwicklung.

Ich habe auf dem Parteitag im Mai 2025 in Magdeburg meine Sorge formuliert, dass wir erneut einen Wahlkampf auf eine organisatorisch unterentwickelte Basis setzen. Damals wurde das als unpassend zur Situation zurückgewiesen. Heute wirkt diese Einschätzung weniger wie Kritik – und mehr wie eine nüchterne Beschreibung dessen, was eingetreten ist.

Was mich daran beschäftigt, reicht allerdings über organisatorische Fragen hinaus.

Für mein Verständnis sind wir eine Themenpartei – eine Partei, die von inhaltlicher Auseinandersetzung lebt. Im Moment habe ich jedoch zu oft den Eindruck, dass es stärker um Darstellung als um Substanz geht. Zugespitzt formuliert: mehr Tanzvideos als Debatten.

Wir verstehen uns zugleich als basisdemokratische Partei. Auch das war immer Teil unserer Identität. Doch inzwischen scheint sich vieles auf eine einzelne Spitzenkandidatin zu verdichten. Doppelspitzen, kollektive Führung, sichtbare Vielfalt in der Repräsentation – all das ist leiser geworden. Wann genau diese Verschiebung stattgefunden hat und warum, vermag ich nicht klar zu benennen.

Und vielleicht liegt genau darin der eigentliche Kern des Problems: Wir sind uns gerade nicht mehr sicher, wer wir sind – oder wer wir sein wollen.

Das ist kein lauter Vorwurf. Eher eine leise, aber ernsthafte Irritation. Denn ohne ein gemeinsames Verständnis von uns selbst wird es uns weder gelingen, als Organisation stabiler zu werden, noch als politische Kraft überzeugender aufzutreten.