Landeseinzelmeisterschaft 2026

In den vergangenen Tagen habe ich an der offenen Landeseinzelmeisterschaft Sachsen-Anhalt 2026 im Schach teilgenommen. Für den SV Energie Stendal waren wir gleich zu dritt im Open am Start: Christopher Berndt, Sascha Schillig und ich. Für mich war das Turnier wie so oft beides zugleich – sportliche Herausforderung und persönliche Standortbestimmung.

Der Auftakt verlief nüchtern. In Runde eins stand direkt das vereinsinterne Duell gegen Sascha an. Solche Paarungen haben ihre eigene Dynamik, denn man kennt sich ziemlich gut. Das Remis war kein Spektakel, aber ein stabiler Einstieg. In Runde zwei folgte eine verdiente Niederlage. Die Stellung war lange im Gleichgewicht, doch ich war geistig nicht bei der Sache und im Mittelspiel erlaubte ich mir zu viele Fehler. Auf Turnierniveau summieren sich kleine Abweichungen selbst von der besten Fortsetzung schnell – und werden konsequent bestraft. Mit einem halben Punkt aus zwei Partien war der Start objektiv ernüchternd.

Der zweite Turniertag brachte die Kehrtwende. Zwei Siege in Folge und damit 2,5 Punkte nach vier Runden – plötzlich lief es. Besonders im Gedächtnis bleibt mir das Mattmotiv aus Runde drei: Eine forcierte Variante, die ich zunächst als Matt in fünf berechnet hatte (siehe Bild). Nachdem mein Gegenüber jedoch den schwarzen König von e8 nach e7 zog, verkürzte sich alles drastisch – zwei Züge später war die Partie beendet. Das sind die Momente, in denen sich das Rechnen, das Verwerfen, das erneute Ansetzen auszahlt.

Schachdiagramm mit einer komplexen Endspielstellung. Weiß hat den König auf h2, die Dame auf e3, Türme auf d1 und f1, einen Springer auf g5 sowie Bauern auf d7, g3 und h3. Schwarz hat den König eben von e8 nach e7 gezogen, die Dame steht auf g4, Türme auf a8 und h8, einem Springer auf g6 sowie mehreren Bauern auf e6, e5 und a7. Die Stellung deutet auf eine akute Mattdrohung gegen den schwarzen König hin.

Kremkau – Wall, 42. … Ke8-e7, LEM 2026

Runde fünf hingegen wird mir als mein persönlicher „weißer Wal“ in Erinnerung bleiben. Mit Weiß stand ich laut Engine bei +8, meine Gegnerin in Zeitnot, objektiv eine technisch gewonnene Stellung. Ich sah den Zug, der die schwarzen Probleme vervielfacht hätte. Und spielte ihn nicht. Stattdessen entschied ich mich – rückblickend betrachtet – nahezu für die einzige Fortsetzung, die die Partie noch kippen konnte. Selten zuvor habe ich so deutlich gespürt, wie schmal der Grat zwischen Berechnung und Entscheidung ist. Theorie und Praxis trennen manchmal nur ein einziger Zug.

Gern wird im Schach von Pech oder Glück gesprochen. Mir erscheinen diese Begriffe zu bequem. Es gibt keine Würfel, keine verdeckten Karten – nur Entscheidungen unter Zeitdruck, mit begrenzter Rechenkapazität und unvollständiger Sicherheit. Der „Zufall“ besteht in unserer Fehlbarkeit. In Runde sechs profitierte ich dann selbst von genau einem solchen Fehler meines Gegenübers und gewann überraschend schnell. Das gehört zur Wahrheit des Turniers ebenso dazu.

In der siebten und letzten Runde spielte ich mit Weiß Remis. Über weite Strecken hatte ich die aktivere Stellung, doch mein Gegner verteidigte präzise und erzwang schließlich ein Dauerschach. Das Unentschieden war folgerichtig und leistungsgerecht.

Am Ende stehen vier Punkte aus sieben Partien und Rang 36. Für mich entscheidend: ein spürbarer DWZ-Zuwachs von 52 Punkten – und meine erste internationale ELO-Zahl. Sportlich war es ein Turnier mit Höhen und Tiefen. Persönlich war es vor allem eine Erinnerung daran, warum ich Schach so schätze: Es konfrontiert einen mit den eigenen Denkfehlern – und belohnt klare Momente mit einer fast schon befreienden Eindeutigkeit.