Kremkaus Blog

Ein Blog von Tobias Kremkau.

Gestern in einer digitalen Politik-Werkstatt des SEND e.V. zur politischen Arbeit in ländlichen Räumen habe ich einen Gedanken geteilt, der mich schon länger begleitet und den ich hier etwas sortieren möchte. In meinem beruflichen Alltag begegne ich in Dörfern und Kleinstädten regelmäßig Menschen, die sich selbst als konservativ bezeichnen – und zugleich an Projekten arbeiten, die man im urbanen Diskurs vermutlich als progressiv oder sogar transformativ einordnen würde. Diese Menschen bauen Netzwerke auf, gründen Coworking Spaces, initiieren MehrWertOrte oder engagieren sich für das, was Ray Oldenburg als „Dritte Orte“ beschrieben hat: Räume jenseits von Zuhause und Arbeitsplatz, in denen Begegnung, Austausch und demokratische Aushandlung stattfinden.

Und doch höre ich immer wieder den Satz: „Ich bin eher konservativ.“ Das hat mich lange irritiert – auch, weil ich mich selbst nicht als konservativ verstehe und wir trotzdem gut, konstruktiv und mit gemeinsamen Zielen zusammenarbeiten. Hinzu kommt, dass empirische Befunde, etwa von dem Soziologen Ansgar Hudde, zeigen, dass das Wahlverhalten vieler dieser Personen – mit regionalen Ausnahmen wie Bayern oder der Eifel – gar nicht eindeutig konservativ ist. Selbstzuschreibung und politische Praxis fallen also nicht zwangsläufig zusammen.

Vielleicht liegt die Irritation an meinem Begriffsverständnis. Im urban geprägten Diskurs erscheint „konservativ“ häufig als Gegenbegriff zu „progressiv“: Bewahrung statt Veränderung, Tradition statt Innovation. Im ländlichen Raum scheint sich diese Semantik jedoch zu verschieben. Dort bedeutet konservativ meiner Wahrnehmung nach oft, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen, sich zu kümmern und funktionierende Strukturen nicht leichtfertig aufzugeben.

Wenn eine Unternehmerin einen leerstehenden Vierseitenhof in einen Coworking- und Begegnungsort transformiert, dann geschieht das selten aus disruptivem Sendungsbewusstsein. Es geht um Ortskernbelebung, um kürzere Wege, um Perspektiven für junge Menschen, um soziale Infrastruktur. Das ist kein Bruch mit dem Bestehenden, sondern dessen Weiterentwicklung. Auch der urbane Coworking Space war nie wirklich disruptiv – Büros existieren weiterhin –, doch im städtischen Kontext wurde Coworking gern als Symbol einer „neuen Arbeitswelt“ inszeniert. Neu ist dort normativ aufgeladen. Auf dem Land ist neu vor allem funktional.

In Metropolen war Coworking lange Teil einer kreativen Milieu-Logik; in Kleinstädten und Dörfern ist es häufig eine infrastrukturelle Antwort auf strukturelle Herausforderungen: Leerstand nimmt zu, Geschäftsmodelle verändern sich, klassische Treffpunkte verschwinden, junge Menschen pendeln oder ziehen weg. Unter diesen Bedingungen wird ein Coworking Space zu einem Instrument der Daseinsvorsorge im weiteren Sinne.

Ähnlich verhält es sich mit MehrWertOrten: multifunktionale Räume, die Arbeiten, Lernen, Nahversorgung, Kultur und Ehrenamt zusammenführen. Sie stabilisieren lokale Netzwerke und erhöhen Resilienz. Viele Initiator*innen sprechen dabei von Heimat, Zusammenhalt, Verantwortung und Generationengerechtigkeit – Begriffe, die politisch eher konservativ konnotiert sind. Und doch sind diese Projekte ohne Offenheit nicht denkbar. Unterschiedliche Professionen, Lebensentwürfe und politische Haltungen teilen sich Infrastruktur und kommen ins Gespräch. Vielleicht lese ich diese Praxis deshalb – aus meiner urban sozialisierten Perspektive – als progressiv.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr zweifle ich an der Schärfe der Dichotomie „konservativ versus progressiv“ im ländlichen Kontext. Viele der Akteur*innen, mit denen ich arbeite, wollen nichts umstürzen. Sie wollen erhalten, was ihnen wichtig ist: Lebensqualität, Gemeinschaft, wirtschaftliche Tragfähigkeit. Gerade aus diesem Motiv heraus entwickeln sie neue Modelle von Arbeit, Kooperation und Begegnung. Das wirkt weniger wie ein Widerspruch als wie eine andere Form von Fortschritt – nicht der radikale Bruch mit dem Bestehenden, sondern eine behutsame Transformation aus der Mitte der Gemeinschaft heraus.

Wer ländliche Räume vorschnell in politische Schubladen steckt, übersieht diese Dynamik. Dort entstehen Orte, die demokratische Kultur stärken, wirtschaftliche Perspektiven eröffnen und gesellschaftliche Vielfalt ermöglichen – häufig initiiert von Menschen, die sich selbst als konservativ verstehen. Für mich ist das inzwischen weniger irritierend als ermutigend. Es zeigt, dass Offenheit nicht zwingend an ein bestimmtes politisches Label gebunden ist und dass Coworking Spaces, MehrWertOrte und andere Dritte Orte Brücken schlagen können – zwischen Milieus, Generationen und Weltanschauungen. Vielleicht liegt genau darin ihr eigentlicher Mehrwert.

In den vergangenen Tagen habe ich an der offenen Landeseinzelmeisterschaft Sachsen-Anhalt 2026 im Schach teilgenommen. Für den SV Energie Stendal waren wir gleich zu dritt im Open am Start: Christopher Berndt, Sascha Schillig und ich. Für mich war das Turnier wie so oft beides zugleich – sportliche Herausforderung und persönliche Standortbestimmung.

Der Auftakt verlief nüchtern. In Runde eins stand direkt das vereinsinterne Duell gegen Sascha an. Solche Paarungen haben ihre eigene Dynamik, denn man kennt sich ziemlich gut. Das Remis war kein Spektakel, aber ein stabiler Einstieg. In Runde zwei folgte eine verdiente Niederlage. Die Stellung war lange im Gleichgewicht, doch ich war geistig nicht bei der Sache und im Mittelspiel erlaubte ich mir zu viele Fehler. Auf Turnierniveau summieren sich kleine Abweichungen selbst von der besten Fortsetzung schnell – und werden konsequent bestraft. Mit einem halben Punkt aus zwei Partien war der Start objektiv ernüchternd.

Der zweite Turniertag brachte die Kehrtwende. Zwei Siege in Folge und damit 2,5 Punkte nach vier Runden – plötzlich lief es. Besonders im Gedächtnis bleibt mir das Mattmotiv aus Runde drei: Eine forcierte Variante, die ich zunächst als Matt in fünf berechnet hatte (siehe Bild). Nachdem mein Gegenüber jedoch den schwarzen König von e8 nach e7 zog, verkürzte sich alles drastisch – zwei Züge später war die Partie beendet. Das sind die Momente, in denen sich das Rechnen, das Verwerfen, das erneute Ansetzen auszahlt.

Schachdiagramm mit einer komplexen Endspielstellung. Weiß hat den König auf h2, die Dame auf e3, Türme auf d1 und f1, einen Springer auf g5 sowie Bauern auf d7, g3 und h3. Schwarz hat den König eben von e8 nach e7 gezogen, die Dame steht auf g4, Türme auf a8 und h8, einem Springer auf g6 sowie mehreren Bauern auf e6, e5 und a7. Die Stellung deutet auf eine akute Mattdrohung gegen den schwarzen König hin.

Kremkau – Wall, 42. … Ke8-e7, LEM 2026

Runde fünf hingegen wird mir als mein persönlicher „weißer Wal“ in Erinnerung bleiben. Mit Weiß stand ich laut Engine bei +8, meine Gegnerin in Zeitnot, objektiv eine technisch gewonnene Stellung. Ich sah den Zug, der die schwarzen Probleme vervielfacht hätte. Und spielte ihn nicht. Stattdessen entschied ich mich – rückblickend betrachtet – nahezu für die einzige Fortsetzung, die die Partie noch kippen konnte. Selten zuvor habe ich so deutlich gespürt, wie schmal der Grat zwischen Berechnung und Entscheidung ist. Theorie und Praxis trennen manchmal nur ein einziger Zug.

Gern wird im Schach von Pech oder Glück gesprochen. Mir erscheinen diese Begriffe zu bequem. Es gibt keine Würfel, keine verdeckten Karten – nur Entscheidungen unter Zeitdruck, mit begrenzter Rechenkapazität und unvollständiger Sicherheit. Der „Zufall“ besteht in unserer Fehlbarkeit. In Runde sechs profitierte ich dann selbst von genau einem solchen Fehler meines Gegenübers und gewann überraschend schnell. Das gehört zur Wahrheit des Turniers ebenso dazu.

In der siebten und letzten Runde spielte ich mit Weiß Remis. Über weite Strecken hatte ich die aktivere Stellung, doch mein Gegner verteidigte präzise und erzwang schließlich ein Dauerschach. Das Unentschieden war folgerichtig und leistungsgerecht.

Am Ende stehen vier Punkte aus sieben Partien und Rang 36. Für mich entscheidend: ein spürbarer DWZ-Zuwachs von 52 Punkten – und meine erste internationale ELO-Zahl. Sportlich war es ein Turnier mit Höhen und Tiefen. Persönlich war es vor allem eine Erinnerung daran, warum ich Schach so schätze: Es konfrontiert einen mit den eigenen Denkfehlern – und belohnt klare Momente mit einer fast schon befreienden Eindeutigkeit.

Am Sonntagabend war ich im Magdeburger Kunstmuseum und habe mir die Installation „The Rhinocerus in the Room oder: Ein Märchen von Banalität und Bösem“ von Itamar Gov angesehen.

Schon der Titel ist ein Verweis auf Eugène Ionesco und dessen Theaterstück „Die Nashörner”. Dort verwandeln sich Menschen nach und nach in Nashörner – eine Parabel auf Konformismus, auf das Hineingleiten in totalitäre Systeme, auf die erschreckende Leichtigkeit, mit der sich Absurdes normalisieren lässt.

Gov verbindet in seiner Installation die Idee des sprichwörtlichen „Elefanten im Raum“ mit Ionescos Motiv der Verwandlung. Es geht um Banalität, um Gewöhnung, um die Frage, wann wir aufhören, Widerspruch zu leisten – nicht aus Überzeugung, sondern aus Bequemlichkeit oder Müdigkeit.

Eine monumentale, weiß aufgeblasene Nashorn-Skulptur füllt nahezu vollständig das Kirchenschiff eines Klosters. Das Tier steht zwischen hohen Steinpfeilern unter einem Gewölbe und wirkt durch seine Größe zugleich weich und überwältigend. Im Vordergrund betrachten zwei Personen mit Mützen die Installation aus der Distanz und heben die Arme, wodurch der Größenunterschied zwischen Mensch und Kunstwerk besonders deutlich wird.

Gerade im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bekommt diese Arbeit eine zusätzliche Schärfe. Sie wirkt nicht agitatorisch, sondern irritierend. Sie stellt keine Parolen auf, sondern legt einen Denkraum frei. Und vielleicht ist genau das ihre politische Qualität: Sie zwingt zur Selbstbefragung.

Wie viel Anpassung halten wir für pragmatisch? Ab wann wird Pragmatismus zur stillen Akzeptanz? Und wann merken wir, dass sich etwas verschoben hat, das wir eigentlich nicht verschoben wissen wollten?

Ich habe die Ausstellung nachdenklich verlassen. Nicht mit einer fertigen These, sondern mit einem Unbehagen – im produktiven Sinne. Kunst kann keine Wahl entscheiden. Aber sie kann Wahrnehmung schärfen. Und manchmal ist das bereits ein politischer Akt.

Heute bin ich mit sofortiger Wirkung von meiner Funktion als Beisitzer im Landesvorstand von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt zurückgetreten. Dieser Schritt erfolgt nach einem sehr bewussten Abwägungsprozess. Jetzt, im Anschluss an den Landesparteitag, scheint mir der richtige Zeitpunkt dafür gekommen zu sein.

Meine Entscheidung beruht auf einer Mischung aus sachlichen und persönlichen Gründen. Es gibt keinen einzelnen Auslöser – vielmehr ist es die Summe vieler Überlegungen, die mich zu diesem Entschluss geführt hat.

Als ich im Mai für den Landesvorsitz kandidierte, habe ich deutlich gemacht, dass es mir vor allem um den Zustand unserer Partei geht und darum, wie wir ihn gemeinsam verbessern können. Gleichzeitig wurde mir, dann als Beisitzer im erweiterten Landesvorstand, klar signalisiert, dass dieses Thema im anstehenden Landtagswahlkampf keine Rolle spielen wird. Das ist nachvollziehbar – und dennoch merke ich, dass ich mich mit dieser Haltung zunehmend schwertue. 

Hinzu kommt das Miteinander im jetzigen Landesvorstand. Immer wieder – und viel zu oft in nur fünf Monaten – hatte ich Zweifel, ob ich dort einen konstruktiven Beitrag als Beisitzer leisten kann. Woche für Woche entstand bei mir das Gefühl, eher Teil eines Problems zu sein als Teil einer Lösung. Das tat mir nicht gut und beeinflusste mein Engagement. Die Verantwortung, dieses Gefühl zu verändern, liegt allerdings auch bei mir selbst – und genau deshalb ziehe ich nun meine Konsequenzen.

Um es klar zu sagen: Ich fremdle mit meiner Rolle im aktuellen Landesvorstand, nicht mit unserer Partei. Mein politischer Schwerpunkt bleibt daher weiterhin die Organisation unseres Wahlkampfs in der Altmark. Dieses Versprechen habe ich meinem Kreisverband gegeben, und dazu stehe ich mit voller Überzeugung. Gleichzeitig möchte ich mehr Zeit für meine Familie gewinnen – ein Bedürfnis, das in den vergangenen Monaten mit jeder einzelnen Landesvorstandssitzung gewachsen ist.

Ich gehe diesen Schritt ohne Groll, aber mit persönlicher Klarheit. Für den derzeitigen Landesvorstand kann ich momentan keine sinnvolle Unterstützung leisten. Ich hoffe, dass mein Rücktritt Raum schafft: für eine bessere Passung, für neue Impulse und für konstruktive Weiterentwicklung.

Ich bedanke mich für das Vertrauen, das mir aus der Partei heraus entgegengebracht wurde – und bei allen, die mir in den vergangenen Monaten den Rücken gestärkt haben. Das war leider öfter nötig, als es sein sollte, aber jedes Gespräch hat gutgetan. Danke.

Manchmal frage ich mich, ob eine Spitzenkandidatur tatsächlich Ergebnis eines langen, klugen Abwägungsprozesses ist – oder ob sie nicht schlicht aus einer frühen Setzung entsteht. Aus dem Moment, in dem jemand zuerst sagt: Ich will das machen.

Diese erste Setzung hat eine erstaunliche Wirkmacht. Sie schafft Realität, bevor überhaupt eine Debatte begonnen hat. Wer zuerst spricht, verschiebt den Möglichkeitsraum. Plötzlich geht es nicht mehr um die abstrakte Frage, wer geeignet wäre, sondern um die konkrete Frage, ob diese Person geeignet ist. Aus einem Gedanken wird eine Option, aus einer Option ein Bezugspunkt. Und dieser Bezugspunkt beginnt, Norm zu werden.

Das hat etwas mit politischer Psychologie zu tun. Nicht immer setzt sich die beste Lösung durch. Nicht immer gewinnt die reflektierteste, strategisch klügste oder fachlich stärkste Person. Häufig setzt sich schlicht diejenige Position durch, die zuerst mit Klarheit formuliert wurde. Ordnung entsteht dann weniger aus Qualität als aus Geschwindigkeit. Das schnellste Wort strukturiert die Debatte.

Das ist weder zynisch gemeint noch resignativ. Es ist eher eine nüchterne Beobachtung politischer Praxis. Politische Wirklichkeit ist kein Naturereignis, sie entsteht performativ. Sie entsteht dadurch, dass jemand einen Anspruch formuliert. Wer ein Ziel anstrebt, kann nicht darauf warten, entdeckt oder gebeten zu werden. Wer gestalten will, muss benennen, was gestaltet werden soll – und auch, dass man selbst bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.

Vielleicht liegt darin eine unbequeme, aber notwendige Erkenntnis: Anspruch ist keine Hybris, sondern Voraussetzung von Gestaltung. Nicht jede erste Setzung ist richtig. Aber ohne erste Setzung bleibt alles im Konjunktiv.

Ich habe Instagram erneut hinter mir gelassen. Mit meinem wachsenden Engagement für meinen bündnisgrünen Kreisverband in den vergangenen drei Jahren entstand in mir der Eindruck, auch dort präsent sein zu müssen – als Teil der politischen Logik, dass Sichtbarkeit gleichbedeutend mit Wirksamkeit sei. Doch dieser Gedanke war ein Irrtum.

In meiner digitalen Kommunikation möchte ich meinen eigenen Werten treu bleiben – einer Haltung, die auf Unabhängigkeit, Klarheit, Transparenz und der Freiheit von unnötigen Aufmerksamkeits- und Plattformlogiken beruht. Instagram ist für mich kein Ort, an dem ich das mit gutem Gewissen tun kann. Deshalb ist es nur konsequent, die Plattform (wieder) zu verlassen.

Bis zum Ende meiner bündnisgrünen Vorstandsämter im Herbst 2026 – dann ist auch damit Schlusss – werde ich auf Facebook noch ein Profil behalten müssen, um dort die entsprechenden Seiten zu verwalten. Privat aber werde ich mich nach der Landtagswahl auch von dort zurückziehen.

Wer mir weiterhin im Digitalen folgen möchte, findet mich aus Mastodon – oder auf meinem Blog, sofern ich dort künftig wieder mehr zum Schreiben komme. Und ansonsten: sehr gern bei einem Kaffee.

Heute hatte ich die Freude, mich mit Pauline Leonard über das irische Connected-Hubs-Programm auszutauschen – ein inspirierendes Gespräch über Coworking, Netzwerke und strategische Ansätze, das nicht nur überraschend viele Parallelen offenbarte, sondern auch eindrucksvoll zeigte, wie viel wir voneinander lernen können!

Das Programm ist eine ambitionierte Regierungsinitiative, mit der Irland ein landesweites Netzwerk gemeinschaftlich genutzter Arbeits- und Innovationsorte in ländlichen Regionen etabliert. Es nutzt die Chancen digitalen und mobilen Arbeitens gezielt, um die Regionalentwicklung zu stärken und neue wirtschaftliche Impulse auf dem Land zu setzen. Unter der Marke Connected Hubs wurden inzwischen genau 400 Arbeits- und Coworking-Standorte miteinander vernetzt.

Connected-Hubs demonstriert, wie staatliche Rahmensetzung Sichtbarkeit, Professionalisierung und Vernetzung erheblich stärken kann, und wie solche Hubs zu Motoren regionaler Entwicklung werden, wenn sie als Teil der lokalen Daseinsvorsorge begriffen werden. Es zeigt, wie Arbeitsorte zu vitalen Zentren des Austauschs, der Innovation und des sozialen Lebens in ländlichen Räumen werden können – ganz im Sinne dessen, was wir bei CoWorkLand mit unserem MehrWertOrte-Konzept anstreben.

Ich war heute Abend bei der Lesung von Ilko-Sascha Kowalczuk und Bodo Ramelow in der Magdeburger Pauluskirche – ein wirklich schöner Ort. In ihrem gemeinsamen Buch »Die neue Mauer« richten beide den Blick auf den Osten, den Westen und die Gefährdungen unserer liberalen Demokratie.

Neben vielen Aspekten zur Nachwendezeit und den aktuellen Herausforderungen ging es zur Abwechslung auch einmal um einen für uns Ostdeutsche wirklich zentralen Punkt: Wir leben in einer Parteiendemokratie – doch zugleich fehlt es eklatant an Bindung und Engagement in den Parteien. Das ist ein ernstzunehmendes Problem.

Mich irritiert immer wieder, dass eine Parteimitgliedschaft so häufig als Aufgabe der eigenen Meinung dargestellt wird, wie es auch heute Abend im Publikum anklingte. Das ist schlicht falsch. Parteien werden von unten gestaltet. Natürlich ist das nicht immer einfach: Auch in Parteien gibt es Menschen, die lieber allein und nicht basisdemokratisch entscheiden möchten. Aber Parteien sind Demokratie im Kleinen – und sie sind veränderbar. Von unten, gemeinsam.

Dort, wo es ehrlicherweise schon lange keine Brandmauer gegen die rechtsextreme AfD gibt – in der ostdeutschen Kommunalpolitik –, geschieht derzeit etwas Bemerkenswertes: Die AfD verliert. Und zwar deutlich – Wahl für Wahl.

In Frankfurt (Oder), Eisenhüttenstadt, Oranienburg, Bad Freienwalde und Wriezen, in Wolmirstedt, Petersberg, der Hansestadt Osterburg oder auch in Meißen – die Liste der Niederlagen bei Bürgermeister*innenwahlen wird immer länger.

Warum das wichtig ist? Weil es zeigt, dass nichts unverrückbar ist. Auch wenn die aktuellen Umfragen, etwa bei uns in Sachsen-Anhalt, beunruhigend wirken – ein Jahr vor der Landtagswahl ist noch längst nichts entschieden. Gewählt wird am 6. September 2026, und bis dahin können wir viel bewegen.

Diese Wahlergebnisse machen Mut. Sie zeigen, dass es funktionierende Strategien gegen Rechts gibt: manchmal sind es überzeugende Persönlichkeiten, manchmal Themen, die die Menschen jenseits von Migration wirklich bewegen. Entscheidend bleibt jedoch, nicht mit den AfD-Faschos zu kooperieren.

Darüber müssen wir sprechen – laut, zuversichtlich und selbstbewusst. Denn während überregionale Medien lieber mit Schreckensmeldungen Klicks generieren, bleibt die positive Entwicklung vielerorts unerzählt: Die AfD verliert an Boden. Und das ist eine gute Nachricht für die Demokratie.

Gleichzeitig sollten wir verstehen, dass Kommunalpolitik anders funktioniert als Landespolitik. Auf Landesebene geht es nicht nur um lokale Anliegen, sondern um Lösungen für komplexere gesellschaftliche Herausforderungen. Hier zählen Diskurs, Ausgleich und Kompromiss – die Grundpfeiler einer lebendigen Demokratie.

Am Ende geht es nicht um eine Wahl zwischen zwei Personen für ein Amt, sondern um die Entscheidung zwischen unterschiedlichen Ideen für die Zukunft: progressiv, sozial, ökologisch, konservativ. Diese Vielfalt ist unsere Stärke – und der beste Beweis dafür, dass Demokratie wirkt.

Vor Kurzem habe ich wieder ein verwaistes Großfeldschach entdeckt – diesmal im Zentrum von Dessau. Zuvor in Köthen (Anhalt), davor in Eisenhüttenstadt: sorgfältig angelegte Felder, doch nirgends Figuren, nirgends ein Spiel.

Anders meine Beobachtungen im hessischen Kurort Bad Sooden-Allendorf, in den Metropolen Hamburg und München: Neben dem Schachfeld stand jeweils eine Kiste mit Figuren – oft unverschlossen. Manchmal saßen tatsächlich Menschen beisammen und spielten. Warum klappt es dort – und hier nicht?

Die naheliegende Antwort, die ich in einem der Orte hörte: Vandalismus. Die Menschen – im Osten™ – wüssten solche Angebote nicht zu schätzen. Ich bin skeptisch. Solche Erklärungen sind bequem, aber sie erklären wenig. Und sie übersehen, dass wir genau solche Orte der Begegnung bräuchten.

Zwei Tage später, beim Spaziergang durch Dresden, fiel mir eine alternative Lesart ein: Auf einem Spielplatz entdeckte ich eine Kiste mit gemeinsam genutztem Sandspielzeug. Am nächsten Tag sah ich auf einem anderen Spielplatz dasselbe Prinzip. Offenbar kann gemeinschaftlich genutztes Material im öffentlichen Raum funktionieren – in Großstädten ebenso wie auf dem Land (etwa in Borstel bei Stendal).

Meine Arbeitsthese: Nicht „die Menschen“ sind das Problem, sondern die Rahmenbedingungen. In vielen Klein- und Mittelstädten ist der erlebte Infrastrukturverlust der letzten Jahrzehnte besonders spürbar: weniger Personal für Pflege und Aufsicht, weniger Vereine und zivilgesellschaftliche Träger*innen, weniger informelle „Kümmerer*innen“, geringere Frequenz im öffentlichen Raum. Wo Aktivierung, Patenschaft und soziale Kontrolle fehlen, bleiben Kisten leer – oder verschwinden.

Wenn man all das zusammennimmt, wird aus der moralischen Frage („Warum zerstören Menschen so etwas?“) eine Gestaltungsfrage: Wie schaffen wir Bedingungen, in denen Verantwortungsübernahme naheliegt? Statt mit dem Verweis auf Vandalismus zu enden, sollten wir die Instandhaltung sozial organisieren: Patenschaften vergeben, Schaukasten mit Figuren anbringen, regelmäßige „Offene Schachstunden“ mit Verein oder Quartiersmanagement ansetzen, die Kiste klar kennzeichnen – und die Anlage dorthin verlegen, wo sie gesehen und genutzt wird.

Vielleicht ist das Großfeldschach dann nicht länger Symbol eines erschöpften öffentlichen Raums, sondern wieder ein Ort, an dem Menschen einander begegnen – Zug um Zug.

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