Kremkaus Blog

Ein Blog von Tobias Kremkau.

Gestern in einer digitalen Politik-Werkstatt des SEND e.V. zur politischen Arbeit in ländlichen Räumen habe ich einen Gedanken geteilt, der mich schon länger begleitet und den ich hier etwas sortieren möchte. In meinem beruflichen Alltag begegne ich in Dörfern und Kleinstädten regelmäßig Menschen, die sich selbst als konservativ bezeichnen – und zugleich an Projekten arbeiten, die man im urbanen Diskurs vermutlich als progressiv oder sogar transformativ einordnen würde. Diese Menschen bauen Netzwerke auf, gründen Coworking Spaces, initiieren MehrWertOrte oder engagieren sich für das, was Ray Oldenburg als „Dritte Orte“ beschrieben hat: Räume jenseits von Zuhause und Arbeitsplatz, in denen Begegnung, Austausch und demokratische Aushandlung stattfinden.

Und doch höre ich immer wieder den Satz: „Ich bin eher konservativ.“ Das hat mich lange irritiert – auch, weil ich mich selbst nicht als konservativ verstehe und wir trotzdem gut, konstruktiv und mit gemeinsamen Zielen zusammenarbeiten. Hinzu kommt, dass empirische Befunde, etwa von dem Soziologen Ansgar Hudde, zeigen, dass das Wahlverhalten vieler dieser Personen – mit regionalen Ausnahmen wie Bayern oder der Eifel – gar nicht eindeutig konservativ ist. Selbstzuschreibung und politische Praxis fallen also nicht zwangsläufig zusammen.

Vielleicht liegt die Irritation an meinem Begriffsverständnis. Im urban geprägten Diskurs erscheint „konservativ“ häufig als Gegenbegriff zu „progressiv“: Bewahrung statt Veränderung, Tradition statt Innovation. Im ländlichen Raum scheint sich diese Semantik jedoch zu verschieben. Dort bedeutet konservativ meiner Wahrnehmung nach oft, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen, sich zu kümmern und funktionierende Strukturen nicht leichtfertig aufzugeben.

Wenn eine Unternehmerin einen leerstehenden Vierseitenhof in einen Coworking- und Begegnungsort transformiert, dann geschieht das selten aus disruptivem Sendungsbewusstsein. Es geht um Ortskernbelebung, um kürzere Wege, um Perspektiven für junge Menschen, um soziale Infrastruktur. Das ist kein Bruch mit dem Bestehenden, sondern dessen Weiterentwicklung. Auch der urbane Coworking Space war nie wirklich disruptiv – Büros existieren weiterhin –, doch im städtischen Kontext wurde Coworking gern als Symbol einer „neuen Arbeitswelt“ inszeniert. Neu ist dort normativ aufgeladen. Auf dem Land ist neu vor allem funktional.

In Metropolen war Coworking lange Teil einer kreativen Milieu-Logik; in Kleinstädten und Dörfern ist es häufig eine infrastrukturelle Antwort auf strukturelle Herausforderungen: Leerstand nimmt zu, Geschäftsmodelle verändern sich, klassische Treffpunkte verschwinden, junge Menschen pendeln oder ziehen weg. Unter diesen Bedingungen wird ein Coworking Space zu einem Instrument der Daseinsvorsorge im weiteren Sinne.

Ähnlich verhält es sich mit MehrWertOrten: multifunktionale Räume, die Arbeiten, Lernen, Nahversorgung, Kultur und Ehrenamt zusammenführen. Sie stabilisieren lokale Netzwerke und erhöhen Resilienz. Viele Initiator*innen sprechen dabei von Heimat, Zusammenhalt, Verantwortung und Generationengerechtigkeit – Begriffe, die politisch eher konservativ konnotiert sind. Und doch sind diese Projekte ohne Offenheit nicht denkbar. Unterschiedliche Professionen, Lebensentwürfe und politische Haltungen teilen sich Infrastruktur und kommen ins Gespräch. Vielleicht lese ich diese Praxis deshalb – aus meiner urban sozialisierten Perspektive – als progressiv.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr zweifle ich an der Schärfe der Dichotomie „konservativ versus progressiv“ im ländlichen Kontext. Viele der Akteur*innen, mit denen ich arbeite, wollen nichts umstürzen. Sie wollen erhalten, was ihnen wichtig ist: Lebensqualität, Gemeinschaft, wirtschaftliche Tragfähigkeit. Gerade aus diesem Motiv heraus entwickeln sie neue Modelle von Arbeit, Kooperation und Begegnung. Das wirkt weniger wie ein Widerspruch als wie eine andere Form von Fortschritt – nicht der radikale Bruch mit dem Bestehenden, sondern eine behutsame Transformation aus der Mitte der Gemeinschaft heraus.

Wer ländliche Räume vorschnell in politische Schubladen steckt, übersieht diese Dynamik. Dort entstehen Orte, die demokratische Kultur stärken, wirtschaftliche Perspektiven eröffnen und gesellschaftliche Vielfalt ermöglichen – häufig initiiert von Menschen, die sich selbst als konservativ verstehen. Für mich ist das inzwischen weniger irritierend als ermutigend. Es zeigt, dass Offenheit nicht zwingend an ein bestimmtes politisches Label gebunden ist und dass Coworking Spaces, MehrWertOrte und andere Dritte Orte Brücken schlagen können – zwischen Milieus, Generationen und Weltanschauungen. Vielleicht liegt genau darin ihr eigentlicher Mehrwert.

In den vergangenen Tagen habe ich an der offenen Landeseinzelmeisterschaft Sachsen-Anhalt 2026 im Schach teilgenommen. Für den SV Energie Stendal waren wir gleich zu dritt im Open am Start: Christopher Berndt, Sascha Schillig und ich. Für mich war das Turnier wie so oft beides zugleich – sportliche Herausforderung und persönliche Standortbestimmung.

Der Auftakt verlief nüchtern. In Runde eins stand direkt das vereinsinterne Duell gegen Sascha an. Solche Paarungen haben ihre eigene Dynamik, denn man kennt sich ziemlich gut. Das Remis war kein Spektakel, aber ein stabiler Einstieg. In Runde zwei folgte eine verdiente Niederlage. Die Stellung war lange im Gleichgewicht, doch ich war geistig nicht bei der Sache und im Mittelspiel erlaubte ich mir zu viele Fehler. Auf Turnierniveau summieren sich kleine Abweichungen selbst von der besten Fortsetzung schnell – und werden konsequent bestraft. Mit einem halben Punkt aus zwei Partien war der Start objektiv ernüchternd.

Der zweite Turniertag brachte die Kehrtwende. Zwei Siege in Folge und damit 2,5 Punkte nach vier Runden – plötzlich lief es. Besonders im Gedächtnis bleibt mir das Mattmotiv aus Runde drei: Eine forcierte Variante, die ich zunächst als Matt in fünf berechnet hatte (siehe Bild). Nachdem mein Gegenüber jedoch den schwarzen König von e8 nach e7 zog, verkürzte sich alles drastisch – zwei Züge später war die Partie beendet. Das sind die Momente, in denen sich das Rechnen, das Verwerfen, das erneute Ansetzen auszahlt.

Schachdiagramm mit einer komplexen Endspielstellung. Weiß hat den König auf h2, die Dame auf e3, Türme auf d1 und f1, einen Springer auf g5 sowie Bauern auf d7, g3 und h3. Schwarz hat den König eben von e8 nach e7 gezogen, die Dame steht auf g4, Türme auf a8 und h8, einem Springer auf g6 sowie mehreren Bauern auf e6, e5 und a7. Die Stellung deutet auf eine akute Mattdrohung gegen den schwarzen König hin.

Kremkau – Wall, 42. … Ke8-e7, LEM 2026

Runde fünf hingegen wird mir als mein persönlicher „weißer Wal“ in Erinnerung bleiben. Mit Weiß stand ich laut Engine bei +8, meine Gegnerin in Zeitnot, objektiv eine technisch gewonnene Stellung. Ich sah den Zug, der die schwarzen Probleme vervielfacht hätte. Und spielte ihn nicht. Stattdessen entschied ich mich – rückblickend betrachtet – nahezu für die einzige Fortsetzung, die die Partie noch kippen konnte. Selten zuvor habe ich so deutlich gespürt, wie schmal der Grat zwischen Berechnung und Entscheidung ist. Theorie und Praxis trennen manchmal nur ein einziger Zug.

Gern wird im Schach von Pech oder Glück gesprochen. Mir erscheinen diese Begriffe zu bequem. Es gibt keine Würfel, keine verdeckten Karten – nur Entscheidungen unter Zeitdruck, mit begrenzter Rechenkapazität und unvollständiger Sicherheit. Der „Zufall“ besteht in unserer Fehlbarkeit. In Runde sechs profitierte ich dann selbst von genau einem solchen Fehler meines Gegenübers und gewann überraschend schnell. Das gehört zur Wahrheit des Turniers ebenso dazu.

In der siebten und letzten Runde spielte ich mit Weiß Remis. Über weite Strecken hatte ich die aktivere Stellung, doch mein Gegner verteidigte präzise und erzwang schließlich ein Dauerschach. Das Unentschieden war folgerichtig und leistungsgerecht.

Am Ende stehen vier Punkte aus sieben Partien und Rang 36. Für mich entscheidend: ein spürbarer DWZ-Zuwachs von 52 Punkten – und meine erste internationale ELO-Zahl. Sportlich war es ein Turnier mit Höhen und Tiefen. Persönlich war es vor allem eine Erinnerung daran, warum ich Schach so schätze: Es konfrontiert einen mit den eigenen Denkfehlern – und belohnt klare Momente mit einer fast schon befreienden Eindeutigkeit.

Am Sonntagabend war ich im Magdeburger Kunstmuseum und habe mir die Installation „The Rhinocerus in the Room oder: Ein Märchen von Banalität und Bösem“ von Itamar Gov angesehen.

Schon der Titel ist ein Verweis auf Eugène Ionesco und dessen Theaterstück „Die Nashörner”. Dort verwandeln sich Menschen nach und nach in Nashörner – eine Parabel auf Konformismus, auf das Hineingleiten in totalitäre Systeme, auf die erschreckende Leichtigkeit, mit der sich Absurdes normalisieren lässt.

Gov verbindet in seiner Installation die Idee des sprichwörtlichen „Elefanten im Raum“ mit Ionescos Motiv der Verwandlung. Es geht um Banalität, um Gewöhnung, um die Frage, wann wir aufhören, Widerspruch zu leisten – nicht aus Überzeugung, sondern aus Bequemlichkeit oder Müdigkeit.

Eine monumentale, weiß aufgeblasene Nashorn-Skulptur füllt nahezu vollständig das Kirchenschiff eines Klosters. Das Tier steht zwischen hohen Steinpfeilern unter einem Gewölbe und wirkt durch seine Größe zugleich weich und überwältigend. Im Vordergrund betrachten zwei Personen mit Mützen die Installation aus der Distanz und heben die Arme, wodurch der Größenunterschied zwischen Mensch und Kunstwerk besonders deutlich wird.

Gerade im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bekommt diese Arbeit eine zusätzliche Schärfe. Sie wirkt nicht agitatorisch, sondern irritierend. Sie stellt keine Parolen auf, sondern legt einen Denkraum frei. Und vielleicht ist genau das ihre politische Qualität: Sie zwingt zur Selbstbefragung.

Wie viel Anpassung halten wir für pragmatisch? Ab wann wird Pragmatismus zur stillen Akzeptanz? Und wann merken wir, dass sich etwas verschoben hat, das wir eigentlich nicht verschoben wissen wollten?

Ich habe die Ausstellung nachdenklich verlassen. Nicht mit einer fertigen These, sondern mit einem Unbehagen – im produktiven Sinne. Kunst kann keine Wahl entscheiden. Aber sie kann Wahrnehmung schärfen. Und manchmal ist das bereits ein politischer Akt.

Heute bin ich mit sofortiger Wirkung von meiner Funktion als Beisitzer im Landesvorstand von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt zurückgetreten. Dieser Schritt erfolgt nach einem sehr bewussten Abwägungsprozess. Jetzt, im Anschluss an den Landesparteitag, scheint mir der richtige Zeitpunkt dafür gekommen zu sein.

Meine Entscheidung beruht auf einer Mischung aus sachlichen und persönlichen Gründen. Es gibt keinen einzelnen Auslöser – vielmehr ist es die Summe vieler Überlegungen, die mich zu diesem Entschluss geführt hat.

Als ich im Mai für den Landesvorsitz kandidierte, habe ich deutlich gemacht, dass es mir vor allem um den Zustand unserer Partei geht und darum, wie wir ihn gemeinsam verbessern können. Gleichzeitig wurde mir, dann als Beisitzer im erweiterten Landesvorstand, klar signalisiert, dass dieses Thema im anstehenden Landtagswahlkampf keine Rolle spielen wird. Das ist nachvollziehbar – und dennoch merke ich, dass ich mich mit dieser Haltung zunehmend schwertue. 

Hinzu kommt das Miteinander im jetzigen Landesvorstand. Immer wieder – und viel zu oft in nur fünf Monaten – hatte ich Zweifel, ob ich dort einen konstruktiven Beitrag als Beisitzer leisten kann. Woche für Woche entstand bei mir das Gefühl, eher Teil eines Problems zu sein als Teil einer Lösung. Das tat mir nicht gut und beeinflusste mein Engagement. Die Verantwortung, dieses Gefühl zu verändern, liegt allerdings auch bei mir selbst – und genau deshalb ziehe ich nun meine Konsequenzen.

Um es klar zu sagen: Ich fremdle mit meiner Rolle im aktuellen Landesvorstand, nicht mit unserer Partei. Mein politischer Schwerpunkt bleibt daher weiterhin die Organisation unseres Wahlkampfs in der Altmark. Dieses Versprechen habe ich meinem Kreisverband gegeben, und dazu stehe ich mit voller Überzeugung. Gleichzeitig möchte ich mehr Zeit für meine Familie gewinnen – ein Bedürfnis, das in den vergangenen Monaten mit jeder einzelnen Landesvorstandssitzung gewachsen ist.

Ich gehe diesen Schritt ohne Groll, aber mit persönlicher Klarheit. Für den derzeitigen Landesvorstand kann ich momentan keine sinnvolle Unterstützung leisten. Ich hoffe, dass mein Rücktritt Raum schafft: für eine bessere Passung, für neue Impulse und für konstruktive Weiterentwicklung.

Ich bedanke mich für das Vertrauen, das mir aus der Partei heraus entgegengebracht wurde – und bei allen, die mir in den vergangenen Monaten den Rücken gestärkt haben. Das war leider öfter nötig, als es sein sollte, aber jedes Gespräch hat gutgetan. Danke.

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