Spitzenkandidatur

Manchmal frage ich mich, ob eine Spitzenkandidatur tatsächlich Ergebnis eines langen, klugen Abwägungsprozesses ist – oder ob sie nicht schlicht aus einer frühen Setzung entsteht. Aus dem Moment, in dem jemand zuerst sagt: Ich will das machen.

Diese erste Setzung hat eine erstaunliche Wirkmacht. Sie schafft Realität, bevor überhaupt eine Debatte begonnen hat. Wer zuerst spricht, verschiebt den Möglichkeitsraum. Plötzlich geht es nicht mehr um die abstrakte Frage, wer geeignet wäre, sondern um die konkrete Frage, ob diese Person geeignet ist. Aus einem Gedanken wird eine Option, aus einer Option ein Bezugspunkt. Und dieser Bezugspunkt beginnt, Norm zu werden.

Das hat etwas mit politischer Psychologie zu tun. Nicht immer setzt sich die beste Lösung durch. Nicht immer gewinnt die reflektierteste, strategisch klügste oder fachlich stärkste Person. Häufig setzt sich schlicht diejenige Position durch, die zuerst mit Klarheit formuliert wurde. Ordnung entsteht dann weniger aus Qualität als aus Geschwindigkeit. Das schnellste Wort strukturiert die Debatte.

Das ist weder zynisch gemeint noch resignativ. Es ist eher eine nüchterne Beobachtung politischer Praxis. Politische Wirklichkeit ist kein Naturereignis, sie entsteht performativ. Sie entsteht dadurch, dass jemand einen Anspruch formuliert. Wer ein Ziel anstrebt, kann nicht darauf warten, entdeckt oder gebeten zu werden. Wer gestalten will, muss benennen, was gestaltet werden soll – und auch, dass man selbst bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.

Vielleicht liegt darin eine unbequeme, aber notwendige Erkenntnis: Anspruch ist keine Hybris, sondern Voraussetzung von Gestaltung. Nicht jede erste Setzung ist richtig. Aber ohne erste Setzung bleibt alles im Konjunktiv.