2021-04-19

»Wat bedeutet dat?«

In den Linktipps vom letzten Freitag empfahl ich ein kurzes Video des ARD-Morgenmagazins, in dem eine Berliner Redakteurin für einen Tag die Stadt verließ, um im Grünen zu arbeiten. In dem Beitrag stellte sie das »Die Waldstatt« vor, ein im letzten Oktober erst eröffneter Coworking Space, der zuletzt in den Medien immer wieder als ein Beispiel für die Rural-Coworking-Entwicklung vorgestellt wurde. Für die Website der Tagesschau hat die Redakteurin Griet von Petersdorff ihre Eindrücke noch einmal verbloggt.

Interessant daran sind die Kommentare zu dem Beitrag, die zeigen, wie unbekannt Coworking noch ist und warum man es stets erklären muss. Auf solche Kommentare stoße ich regelmäßig in Zusendungen von Leser:innen an Zeitungen. Zu selten wird der Begriff und das Konzept hinter Coworking auch erklärt. Auch Effekte aufgrund von Coworking werden oft nicht erwähnt, weshalb der Kontext von Entwicklungen fehlt. Manchmal, so scheint es mir, weil der/die Autor:in selber unsicher ist, worüber er/sie einen Beitrag schreiben.

Anglizismus

Der erste Kritikpunkt betrifft meist die Verwendung des Anglizismus selbst. Dies ist eine berechtigte Kritik, auf die die Coworking-Szene noch keine einheitliche Antwort gefunden hat. Ich bin für die Verwendung des Begriffes Coworking, aber mit einer begleitenden Erklärung. Mich hat in einer Debatte einmal das Argument überzeugt, dass Menschen dazulernen können, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, etwas Neues kennenzulernen. Sich künstlich vereinfachend auszudrücken kann auch als sehr respektloses Verhalten verstanden werden.

Der Begriff Coworking ist aber leider eine leere Signifikante, die bedeutungsoffen ist und beliebig mit Bedeutung gefüllt werden kann (ein Begriff von Günther Ortmann). Deshalb nutzen auch Teile der Immobilienbranche, der Hotelletie und der Gastronomie ihn inflationär für Flächenkonzepte, die nichts mit Coworking zu tun haben. Coworking wirkte lange cool, zumindest im urbanen Umfeld, und ist inzwischen ein Trendthema vor dem Hintergrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie auf bisherige Lebens- und Arbeitsmodelle.

Aus: WAZ (Oberhausen) vom 19.04.2021

Existenzberechtigung

Der zweite Kritikpunkt an Coworking ist oft das vermeintliche Fehlen einer Existenzberechtigung. Menschen haben schon immer zusammengearbeitet, auch an gemeinsam genutzten Ort. Und überhaupt meint ›Coworker‹ übersetzt doch nur ›Kollege‹ und den gab es ja auch schon immer. So erscheint der Begriff nur wie ein neumodisches Wort für etwas Althergebrachtes. Gerade außerhalb von Berlin-Mitte tritt deshalb oft Skepsis ein, benutzt jemand derartige Begriffe. Und diese erste Reaktion kann ich auch nachvollziehen.

Der Begriff Coworking meint eine neue Arbeitsform, die das Miteinander verschiedener Menschen in den Vordergrund stellt. Ähnliche Konzepte gab es bereits früher, je nach Betrachtungswinkel wirkt Coworking deshalb weniger neu oder komplett neu, doch ist eine Neuheit charakteristisch: selbstbestimmt zu entscheiden von wo man arbeitet, und nicht nur wie, warum und mit wem. Durch die die Gründung der Coworking-Bewegung begleitenden technologischen Entwicklungen (siehe Wi-Fi) ist es ein eigenständiges Konzept.

Geschäftsmodell

Der dritte Kritikpunkte ist, dass es sich bei Coworking doch nur um eine Vermietung von Bürofläche handelt. Diesen Eindruck kann ich bei einem ungeübten Blick auf ein Coworking Space verstehen. Doch beim Coworking wird Fläche nur beim Geschäftsbereich Events vermietet. Ansonsten basiert das Geschäftsmodell darauf, dass Zugang zu einer Gesellschaft gegeben wird, die sich zuallererst dadurch definiert, dass es sich um registrierte Mitglieder handelt. Der Vergleich zu einem Fitnessstudio trifft es wohl am besten.

Als Mitglied eines Coworking Spaces kann man zwischen verschiedenen Tarifen wählen, die unterschiedliche Berechtigungen beinhalten können (je nach Preis). Dazu gehört beispielsweise ein Zugang rund um die Uhr zum Coworking Space, aber auch die exklusive Nutzung von Räumen. Das wirkt wie eine Vermietung eines Büros, ist es aber rechtlich nicht. Deshalb nutzen die meisten Coworking Spaces auch AGBs statt Mietverträge. Dadurch können Coworking Spaces die meistens gewünschte Flexibilität bei Kündigungsfristen anbieten.


Auf die anderen Kommentare gehe ich nicht ein, denn einige sind sehr abstrus und haben auch gar nichts mehr mit dem Beitrag oder Coworking zu tun.


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