Ein Beirat der Weggezogenen
Wen soll man um Rat bitten, wenn niemand da ist? (Bild: KI-generiert)
Wer in einer ländlichen Region wie der Altmark lebt und politisch aktiv ist, kennt das Phänomen: Die drängendsten Herausforderungen entstehen oft nicht aus Mangel an Ideen oder Engagement, sondern schlicht am Fehlen von Menschen, die mit anpacken. Junge Leute verlassen nach der Schule ihre Heimat – um zu studieren, beruflich Fuß zu fassen oder einen anderen Lebensentwurf zu verfolgen. Zurück bleibt eine Lücke: fachlich, kulturell, manchmal auch emotional. Doch was wäre, wenn wir diese Lücke nicht als Verlust begreifen, sondern als Chance?
Während meiner beruflichen Stationen in Städten wie München, Brüssel und Berlin bin ich immer wieder auf Menschen aus Sachsen-Anhalt gestoßen, die sich dort mit beeindruckender fachlicher Tiefe und klarem gesellschaftlichen Kompass engagieren. Viele von ihnen haben den Kontakt zu ihrer Heimatregion nie ganz verloren. Immer wieder stellte ich mir die Frage: Wie ließe sich dieses Potenzial für die Entwicklung unseres Bundeslandes aktivieren – auch dann, wenn eine Rückkehr für diese Menschen keine Option ist? So entstand in meinem Kopf die Idee eines “Beirats der Weggezogenen”.
Diese Idee möchte ich am 8. April 2025 auf dem Forum für Soziale Innovationen und Gemeinwohlorientierte Unternehmen (SIGU) im bcc Berlin Congress Center vorstellen. Eine Veranstaltung, getragen vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz sowie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung – und der perfekte Ort, um einer so pragmatischen wie visionären Idee Gehör zu verschaffen. Ein “Beirat der Weggezogenen” klingt vielleicht ungewohnt – doch genau darin liegt sein Reiz. Denn viele, die gegangen sind, haben ihre Herkunft nicht vergessen. Sie tragen die Erinnerungen an ihre Kindheit, an Nachbarschaften, an Dorffeste noch immer in sich. Und sie sind oft bereit, sich zu engagieren – wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt.
Ein solcher Beirat muss kein bürokratisches Ungetüm sein. Er kann klein und unkompliziert starten – mit einem digitalen Heimattreffen, mit persönlichen Einladungen oder einem Aufruf über Social Media. Ziel ist es, Menschen mit biografischen Wurzeln in einer Gemeinde zu gewinnen, die heute in Berlin, München, Köln oder anderswo leben – und die bereit sind, ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihre Netzwerke zurück in die Region fließen zu lassen. Es geht nicht darum, dass sie zurückziehen. Es geht darum, dass sie mitdenken, mitwirken, mitgestalten. Mit Ideen, mit Kontakten, mit einem kritischen Blick von außen – und mit einer großen Portion Herzblut.
Ich denke zum Beispiel an die Bürgermeisterin einer kleinen Gemeinde, die gemeinsam mit einem Kulturverein ein digitales Heimattreffen organisiert. Ehemalige Bewohner*innen erzählen, was sie heute tun, und diskutieren mit, wie sich die Gemeinde weiterentwickeln könnte. Daraus wächst ein lockerer Beirat, der sich regelmäßig online austauscht, Projektideen unterstützt, Förderanträge begleitet oder sogar den Aufbau eines Coworking-Spaces im alten Pfarrhaus mit vorantreibt. Manche Mitglieder übernehmen Patenschaften für Jugendprojekte, andere vermitteln Kontakte zu Hochschulen oder Unternehmen. Der Effekt: Die Gemeinde erhält neue Impulse und Ressourcen – und die Weggezogenen spüren, dass ihre Perspektive zählt.
Ein Beirat der Weggezogenen ist ein Becken voller Serendipität. (Bild: KI-generiert)
Ich bin überzeugt: Der “Beirat der Weggezogenen” kann zu einem starken Hebel für regionale Resilienz und Identität werden. Gerade strukturschwache Regionen brauchen kreative Formen des Zusammenhalts, die über physische Nähe hinausgehen. Das Potenzial dafür liegt längst vor uns – in alten Schulfreundschaften, in E-Mail-Kontakten, in ehemaligen Jugendfeuerwehrmitgliedern. Es muss nur aktiviert werden, denn oft sind es gerade die losen Verbindungen, die eine Region in Bewegung setzen. Der erste Schritt ist dabei verblüffend einfach: eine Einladung aussprechen, Verbindung aufnehmen, gemeinsam Zukunft denken.